Sonntag, 21. Juni 2009

Quis custodiet ipsos custodies?

Das sich nach der Verabschiedung des Internetzensur-Gesetzes die üblichen Schreihälse und böswillig Ahnungslosen zu Wort melden, ist natürlich keine Überraschung. Von Kinderpornographie ist es ja nur noch ein klitzekleiner Schritt hin zu gewalthaltigen Computerspielen - Zensur ist also in beiden Fällen mehr als geboten!

Und damit nicht irgendwelche CDU-Hinterbänkler die Katastrophe von Winnenden alleine für ihre politische Karriere instrumentalisieren, dachte sich auch die Komission für Jugendmedienschutz, die in letzter Zeit ja stark im Schatten von BPjM und Zensursula stand, dass man hier doch wunderbar auf den Zug der ahnungslosen aber rechtschaffen empörten Gutmenschen (TM) aufspringen könnte.

Das ganze sieht dann im Ergebnis so aus:
Ausländische Webshops, die in Deutschland indizierte Filme und Spiele anbieten, sollen wegen dieser Tatsache selbst indiziert werden. Das ist eine tolle Sache, nur leider gibt es da ein par klitzekleine Probleme:
1. Österreichische Händler sind nicht an deutsches Recht gebunden (unglaublich aber wahr!)
2. Das JuschG regelt relativ genau, in welchem Umfang es bei Importen aus dem Ausland greift, nämlich im Normalfall erst per Zollkontrolle beim tatsächlich stattfindenden Import durch den Käufer, und definitiv nicht beim Anbieten der Waren im Ausland.
3. Wie absurd das Ganze ist, lässt sich auch daran feststellen, welche Seiten nach dieser Logik im Ausland noch indiziert werden müssten: amazon.co.uk, amazon.fr, amazon.com, ebay.com, diverse weitere Händler aus der Schweiz, Österreich, den Niederlanden, Großbritannien und und und...
4. Wobei es der cleveren KjM ja reicht, wenn auf einer entsprechenden Seite Screenshots zu finden sind, oder Trailer zu Spielen/Filmen verlinkt(!!) sind.
5. Auch deutsche Seiten wie ofdb.de u.ä. dürften nach dieser Logik sehr schnell zum Abschuss freigegeben werden.

Nun ja, das Gute ist, dass man bei staatlichen Stellen wie der BPjM, KjM oder unserer Zensursula davon ausgehen kann, dass Sachverstand und Kenntnis basaler Rechtsgrundsätze (territoriale Geltung z.b.) nicht bekannt sind, und daher solche Forderungen in einem Taumel von PR-Enthusiasmus und guter deutscher Zensurtradition ausgesprochen werden, ohne zu wissen wie sinnlos sie sind.

Ob dieses Tatsache die Situation nun besser oder schlechter macht, hängt davon ab, ob man von Seiten des Staates Kompetenz erwartet...

Mittwoch, 17. Juni 2009

Panoptikum - Knaurs Buch der Rollenspiele


Lange wars nicht nur in diesem Blog still, nein insbesondere das Thema Rollenspielerische Kuriositäten lag viel zu lange brach. Das soll sich nun ändern - Vorhang auf für das glorreiche "Buch der Rollenspiele" aus dem Verlage Knaur.

Erschienen ist es 1985 unter der Herausgeberschaft von Jürgen Franke und Werner Fuchs und es nimmt für sich in Anspruch, "ein Führer und Wegweiser in der Welt der Rollenspielsysteme" zu sein. Dabei konzentriert sich die Darstellung auf die damals in deutscher Sprache erhältlichen Systeme, namentlich DSA, D&D, Midgard, Schwerter & Dämonen, Sternengarde und Traveller. An englischsprachigen Systemen werden Call of Cthulhu und Runequest näher beleuchtet. Jedes von ihnen wird recht detailliert auf ca. 10 bis 20 Seiten beschrieben, wobei der Augenmerk auf dem Regelsystem, erhältlichen Produkten und der Spielwelt liegt. Zusätzlich gibt es kürzere Artikel zu Computerrollenspielen (textbasiert damals, wohlgemerkt), SF- und Fantasybrettspielen sowie einen (sehr knappen) Überblick über die damals schon ungleich vielfältigere englischsprachige Rollenspiellandschaft.
Um das ganze Abzurunden, bekommt der geneigte Leser gleich noch ein einfaches Soloabenteuer mit DSA-Regeln obendrauf.
Unter den Autoren, soweit sie mir bekannt sind, finden sich neben den Urgesteinen der deutschen Rollenspielszene Jürgen Franke (Midgard) und Werner Fuchs (DSA, Fanpro) unter anderem auch Rainhold Mai (Battletech-Übersetzer, Fanpro) und Rainer Nagel (mir vor allem wegen seiner stets sehr unterhaltsamen WuWe-Rezensionen bekannt).

Soweit zum objektiven Teil. Ich finde dieses Buch auch heute noch, fast 25 Jahre nach Erscheinen, sehr kurzweilig und lesenswert. Man fühlt sich geradezu in die Anfangszeiten des Hobbys zurückversetzt, als Dinge wie W20 und Abenteuerpunkte noch eine ausführliche Erklärung erforderten. Schön ist auch, dezidiert bei den einzelnen Systemen die Anfänge von Regeln und Welt(en) nachzuvollziehen. Der lockere und doch stimmungsvolle Schreibstil tut sein übriges.
Also, langer Rede kurzer Sinn: Wer sich für Rollenspielhistorie erwärmen kann und die ca. 1,50€ übrig hat, die das Buch momentan bei amazon kostet, sollte sich "Knaurs Buch der Rollenspiele" nicht entgehen lassen.

Kategorie: Nostalgischer Zeitsprung

Persönlicher Nachtrag: Für mich war dieses wunderbare Kleinod übrigens ca. 1994 der Erstkontakt mit dem Bereich Rollenspiele. Nachdem ich es in der seligen schummrig-düsteren Geisweider Stadtbücherei neben einer zerfledderten Ausgabe von Marc Millers Traveller entdeckt, ausgeliehen und zu Hause verschlungen hatte war der Kauf der DSA-Basisbox nur noch eine Frage der Zeit. Mission Accomplished!

Es ist vollbracht!

Ich habe heute meine letzte Magisterprüfung hinter mich gebracht und außerdem hat die gestern endende Petition gegen Internetzensur über 134.000 Unterzeichner gefunden.

Welches der Ereignisse der werte Leser höher bewertet, sei ihm überlassen...

Für mich heißt das jedenfalls, dass jetzt wieder aktiv weitergebloggt wird, und insbesondere das lange in der Pipeline liegende und so gut wie fertige, nächste Interview Online bald geht.

In diesem Sinne