Mittwoch, 11. März 2009

Interview mit Peer „sirdoom“ Bieber (Shadowrun und Space Gothic-Autor, Blogger)

Und die Interviewreihe geht weiter. Diesmal mit Peer Bieber, mit dem ich über seine Arbeit als freier Rollenspielautor sowie als (manchmal recht bissiger) Kommentator der Szene und des Weltgeschehens sprechen werde. Da das Interview sehr umfangreich geworden ist, werde ich es in zwei Teilen präsentieren, von denen der erste sogleich folgt. Viel Vergnügen!

Hallo Peer, stell dich doch erstmal kurz vor. Wer bist du und was tust du so im Bereich Rollenspiele?


Nun ja, ich spiele seit über 17 Jahren RPGs und Tabletops, geboren und aufgewachsen an der Nordsee, ich studiere Anglistik und Politikwissenschaften und arbeite seit einigen Jahren als freier Mitarbeiter, als sogenannter „Freelancer“ in der Spielebranche. Ursprünglich bin ich über die Romane zum Rollenspiel gekommen. Erst Perry Rhodan, Mark Brandis und dann Shadowrun (2XS von Nigel Findley), Battletech (Entscheidung am Thunder Rift) und DSA (Der Scharlatan). Mein erstes eigenes RPG Buch war der Shadowrun Straßensamurai Katalog, (das Grundregelwerk hatte wer anders). Danach kam die ganze Palette: Earthdawn, KULT, Cthulhu, AD&D, später D&D, Space Gothic, WOD, Traveller, GURPS, auch BESM, usw. Meine Lieblingswelten waren aber immer Battletech, Shadowrun und Space Gothic. Ansonsten bin Fan von Heavy Metal, trotz oder gerade wegen meiner Ausbildung als Violinist, fahre Motorrad wann immer möglich und bin bekennender Coke-Junkie, Kaffee ist nicht so mein Ding, Coffein muss aber trotzdem sein. Als Freelancer in dieser Branche habe ich seit einiger Zeit so ziemlich alle Themenfelder abgegrast: Autor, Lektorat, Übersetzungen, Projektleitung, Playtesting, Abenteuer- und Szenario-Design, Workshops und Spielrunden. Aktuell arbeite ich für Pegasus Spiele an Shadowrun und für Ulisses Spiele an Space Gothic.

Wie hat man sich das Leben als Rollenspielautor vorzustellen?

Undankbar, arm, frustrierend & stressig an schlechten Tagen. Kreativ, spannend, witzig und herausfordernd an guten Tagen. Arbeit kommt immer in Wellen angeschwappt und die Fertigkeit „muss gestern fertig sein!!!“ sollte man unbedingt haben.

Woran arbeitest du im Moment für Shadowrun?

Aktuell am Frankfurt Add On für das deutsche Konzernenklaven (Corporate Enclaves), welches rund 40 Seiten lang wird, inklusive zweier Frankfurt-Pläne und im zweiten Quartal 2009 erscheinen wird. Dabei kümmere ich mich vordringlich um Ares Europe und einem Teil der Frankfurter Börse. Wobei Ares ADL/Europe schon etwas problematisch ist. Außer „ist groß“ findet sich relativ wenig in den bisherigen Büchern, andererseits müssen Dinge wie der Cross Applied Technologies Buyout und die komplette Neugestaltung der Ares Geschäftsstruktur ja auch rein und zwar nachvollziehbar, halbwegs logisch und dazu trotzdem interessant und mit Ansatzpunkten für Runs. Das ist immer ein Balanceakt, wenn man es richtig machen will. Demnächst wird wohl der aktuelle Pegasus Spiele Abenteuerwettbewerb „ChromPredator“ kommen, da ich auch schon beim ersten Wettbewerb Jury gewesen bin. Nebenbei versuche ich irgendwo Zeit zusammenzukratzen, um die alten Deckard-Kurzgeschichten zu überarbeiten und weiterzuspinnen, vor allem weil Deckard ein Eigenleben entwickelt hat und in verschiedenen Quellenbüchern auch ohne meine Zutun aufgetaucht ist und mittlerweile auch in Chicago und Istanbul war, wie im Digital Grimoire, welches einigen „Gerüchten“ zufolge in die Pegasus Neuauflage des Straßenmagie (ca. Mitte des Jahres) eingearbeitet wird, nachzulesen ist. Dazu kommen natürlich auch noch in absehbarer Zeit Emergenz (dieses WE auf der Hannover spielt), Vernetzt (Unwired), Feral Cities und „Geister-Kartelle“(Ghost Cartels).

Geister-Kartelle soll sich ja ebenfalls von der US-Ausgabe unterscheiden. Wird es ein deutsches Add On geben oder ist da noch etwas anderes geplant?

Das weltweite Auftauchen von „Flipside“ wird den Seattler „Mob War“ wie einen Kindergeburtstag aussehen lassen und natürlich auch Einfluss auf die Allianz Deutscher Länder als das europäische Transitland haben. Geplant ist deshalb einige Texte auszutauschen, um den Spielern die Ereignisse in der ADL ausführlich zu präsentieren. Das dabei entstehende „Cut“ – Material wird aber in anderer Form verfügbar gemacht werden. Was genau und wie geändert wird, steht aber noch nicht final fest.

Wie geht ihr mit dem um, was bisher aus deutschen Landen für Shadowrun veröffentlicht wurde? Versucht ihr auch die Romane – die ja nie Kanon waren – zu berücksichtigen?

Ich könnte jetzt die Melodie von Tetris pfeifen. Was Shadowrun Quellenbücher angeht, sieht es folgendermaßen aus: Wenn es nicht Kanon-Material widerspricht, nicht total an den Haaren herbeigezogen ist und von Relevanz für das nächste Buch ist, wird dieses Material natürlich berücksichtigt. Manchmal muss man aber auch die große Axt des heiligen RetCon ansetzen, manchmal erwähnt man es einfach nicht mehr, manchmal muss man der Sache einfach nur einen anderen „spin“ geben, damit es funktioniert. Allerdings kommen solche Totalausfälle gar nicht so häufig vor, wie einige Leute denken. Bei den Romanen wird versucht sie zu berücksichtigen, aber z.B. eine Atombombe vor Pomorya hochgehen zu lassen, verursacht schon so einige Probleme, auch wenn der Roman in dem das passiert, sonst ziemlich gut ist.

Was hat sich für dich als Autor seit dem Wechsel von Fanpro zu Pegasus geändert?

Man merkt das wieder Feuer drin ist und man unterstützt wird, das was „geht“. Ansonsten kennt man die Leute mit denen man arbeitet ja schon etwas länger, so groß ist die Branche ja nun auch nicht.

Bei Fanpro war also am Ende die Luft raus?

„Luft“ ist eine gute Umschreibung für das was am Ende nicht mehr vorhanden war...

Ob ich dir da noch mehr aus der Nase ziehen kann..?

Leider nein, ich bin das Thema betreffend immer noch etwas „verschnupft“. Allerdings könnte man David M. Stansel-Garner, den Materials & Operations Manager von Catalyst Games, danach fragen. Er hätte da wohl relativ eindeutige Ansichten...

Zwischenzeitlich hast du ja auch für Catalyst direkt an englischsprachigen Shadowrun-Sachen gearbeitet, bzw. tust das immer noch. Inwieweit unterscheidet sich diese Arbeit von der fürs deutsche Shadowrun?

Leider kann ich da aus Zeitgründen nicht zweigleisig fahren, weswegen sich meine Arbeit an englischsprachigen Shadowrun-Material auf „Shadows of Europe“(als es noch ein Fanprojekt war) und Playtesting für Shadowrun 4 beschränkt, wobei bei der aktuellen Verzahnung natürlich auch kleine Teile von meinen deutschen Texten in US Publikationen wiederauftauchen.

Aber man kennt natürlich einen Großteil der Beteiligten, ob von Messen, Conventions oder durch Onlinekontakt. Nach meiner Erfahrung liegt der Unterschied vor allem auch in der Anzahl der beteiligten Personen, die alle jedesmal originäres Material fabrizieren müssen und nicht nur übersetzen müssen, was bei uns ja nicht immer und auch nicht in dem Ausmaß ansteht. Da müssen einige Dinge dann natürlich etwas strikter gehandhabt werden und können nicht ausschweifend ausdiskutiert werden. Ansonsten besteht da kein großer Unterschied.

Apropos ausschweifend diskutieren. Auch die deutschen SR-Autoren sind ja über die gesamte Republik verstreut. Wie hat man sich da den Austausch über die Arbeit vorzustellen, alles über den Chefredakteur?

Lofwyr bewahre, unser Chefredakteur Tobias „Tigger“ Hamelmann würde sich bedanken, wenn wir wirklich alles über ihn laufen lassen würden. Grundsätzlich trifft man sich ja eh mehrmals im Jahr auf diversen Cons und Messen und kann schon mal gewisse Dinge vor Ort abklären. Email und Telefon gibt es ja auch noch und unter uns Pastorentöchtern, es könnte theoretisch ja auch ein Redaktionsforum geben ;).

Denkst du, dass Shadowrun in Deutschland wieder den Stand erreichen kann, den es vor dem Ende von Fanpro (als Rollenspielverlag) hatte?

Kurze Antwort: Ja! Lange Antwort: Wir reden hier über einen schrumpfenden Markt, was die Dinge etwas schwierig macht. Aber wenn man sich die Richtung anschaut und den Support den Pegasus liefert, dann denke ich schon, dass Shadowrun wieder zu einem DER Rollenspiele in Deutschland wird. Wobei ich grundsätzlich gar nicht glaube, dass über Nacht ein Großteil aller Shadowrun-Gruppen in Deutschland verschwunden ist und Pegasus ist bisher mit dem Erfolg von ShadowrunD – ich zitiere – „sehr zufrieden“.

Welcher Part deiner Vergangenheit als Freelancer ist für dich der gelungenste? Auf welche Figur/welches Ereignis/welche Location o.ä. bist du besonders stolz?

Die holde Falle der Selbstbeweihräucherung. Natürlich wäre da der Charakter Deckard, vor allem wegen der Kurzgeschichten, die ich dazu geschrieben habe und der mir dadurch natürlich ans Herz gewachsen ist. Außerdem stehen die Deckard-Kurzgeschichten für meinen Einstieg bei Shadowrun. Die Reichweitentabelle für Feuerwaffen des SR4 Grundregelwerks, da sag ich aber nicht warum. Die Waffen aus den Drafts des Arsenal 2071 (2008) die ich vorausschauend, mit Unterstützung eines Komplizen, schon mal ins Schattenstädte (2006) geschmuggelt habe. Der Schattenstädte Shadowtalk zu Airbus auf Seite 143 bezüglich der „Sportflugzeuge“ entspricht übrigens der Wirklichkeit! In Erinnerung geblieben ist natürlich auch die SPIEL 2005, als auch der „Firmenwagen“ den wir uns damals „organisiert“ haben. Oder auch der Multiuserrun auf der NordCon, der unter das Motto „3 Männer und ein Babyphon“ fiel; die Dinger können ganz schön eigenwillig sein. Und nur über meine Leiche werde ich je wieder in einem durchschnittlich großen Klassenzimmer spielleiten, wenn dieses mit 5 Promorunden à 8+ Leuten vollgestopft ist!!!

Neben deiner Arbeit für Shadowrun bist du auch für Ulisses bei Space Gothic tätig. Sitzt du damit zwischen den Stühlen? Inwieweit unterscheidet sich deine Tätigkeit für Space Gothic von der für Shadowrun?

Ich bin Freelancer, ich sitze grundsätzlich zwischen den Stühlen, wobei man Stühle vielleicht durch aufeinander zurasende LKWs mit Dornen und Flammenwerfern ersetzen sollte. Aber nein, ich persönlich sehe da keinerlei Probleme. Der Unterschied besteht natürlich erst mal darin, das Space Gothic ein Kult-RPG ist, dessen Verbreitungskreis gegenüber Shadowrun doch – noch *g* - geringer ist. Shadowrun ist „Magic meets Dark Future“, Space Gothic ist „Military Sci-Fi meets Cthulhu“, da ist schon die Grundstimmung komplett anders.

So freue ich mich z.Z. ganz besonders darauf für das Space Gothic Overkill „Reloaded“ die Introfiction zu schreiben, wofür ich mir schon einige ganz böse Dinge habe einfallen lassen. Ich muss mir noch dringend ein Memo an den Bildschirm kleben, es mit dem Splatter nicht zu übertreiben. Ich will auch versuchen folgenden Satz einzubauen (geschickter Spoiler anbei!):

„Das Verkehrsministerium warnt vor den Kabinen der 3ten Klasse. Sie sind nicht ausreichend (nach §112b, RflGtz) gegen Strahlung geschützt. Anmerkung: Die Besatzung sieht die Quartiere der 3ten Klasse als internen Strahlenschild des Raumschiffes zwischen Reaktor und Mannschaftsquartieren; genau so werden diese Passagiere auch behandelt.“

Ansonsten stehen wir da aber noch ziemlich am Anfang. Ansonsten wird auch an drei anderen, „anders-formatigen“ Büchern gearbeitet, zu denen ich aber lieber noch nichts sage.

Da du ja ziemlich gut informiert bist und ja in durchaus engem Kontakt mit den Leuten von CGL stehst, gibt’s was Neues hinsichtlich der Rückkehr Battletechs nach Deutschland zu vermelden?

„Kein Kommentar“ reicht wohl nicht, oder?

Nein... ;)

Battletech wird auf jeden Fall auf Deutsch zurückkehren, spätestens wenn die neue Battletech Romanserie angelaufen ist. Für das Tabletop und das RPG sehe ich z.Z. aber leider eher schwarz. Als das Total Warfare in den USA rausgekommen ist, wäre es ein idealer Zeitpunkt gewesen, aber jetzt haben sich die Interessierten eh alle die US Version gekauft und der Rest spielt nach den alten Regeln und ist damit zufrieden. Allerdings ist Battletech trotz der nicht vorhandenen deutschsprachigen Bücher keineswegs tot in Deutschland, auch wenn es einige unschöne Ereignisse innerhalb der Community gab, die aber nach einigen Anstrengungen gelöst werden konnten.

So sind mittlerweile durch Megamek viele neue Leute und auch alte Hasen wieder eingestiegen. Chapter wie die 5th Syrtis Fusiliers – wo sich neben mir auch ziemlich viele andere Autoren tummeln – oder Vereine wie Team Trueborn sorgen auch weiterhin für ausreichend Mech-Action. Wie viele Leute man immer noch mit Battletech begeistern kann, konnte man auf der RPC 2008 sehen, wo das 3D-Gelände der Syrtis Fusiliers geradezu umlagert wurde.

Mit den unschönen Ereignissen meinst du wahrscheinlich die Probleme im BT.info-Forum.

Es gab da einige langwierige Konflikte, die unterschwellig schon einige Zeit am brodeln waren und als es mal wieder hochkochte, habe ich die Dinge einfach mal beim Namen genannt. Abgesehen vom doch harten Gegenwind hat es mich sehr gefreut die vielen zustimmenden Kommentare und Emails zu bekommen, so dass offensichtlich wurde „hier läuft was vollkommen falsch“. Mittlerweile hat da ein Umdenken stattgefunden und es hat sich gezeigt, die Selbstheilungskräfte einer Community funktionieren durchaus.

An dieser Stelle erstmal ein Schnitt, da wie gesagt das Interview sehr umfangreich geworden ist. Im zweiten Teil, der in den nächsten Tagen online gehen wird, dreht sich alles ums Internet, die Bloggerei sowie den Sinn oder Unsinn von Rollenspielforen.

http://sirdoomsbadcompany.wordpress.com/

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