Samstag, 21. März 2009

Interview mit Peer „sirdoom“ Bieber - Teil 2

Und weiter geht’s mit dem zweiten Teil des Interviews mit Peer Bieber…

Du bist ja auch als Blogger aktiv, nicht nur was Rollenspiele angeht, sondern auch im bereich allgemeinerer, politischer Themen. Was hat dich zum bloggen gebracht und wie stehst du dazu?


Zum bloggen bin recht zufällig gekommen, vereinfacht durch Ego, geplatzte Halsschlagadern und Gelegenheit. Ich schreibe auch öfter Texte zu Themen, die vollkommen RPG-fremd sind, die dann leider im Giftschrank landeten mangels Publikationsplattform. Und wie jeder andere hab ich Links zu Kino- und Spiele-Trailern, lustigen Dingen und den Aufregern der Woche via Email an Freunde geschickt. Nachdem ich dann ehr durch Zufall über Wordpress gestolpert bin und es einfach genug fand, um mir nicht auf die Nerven zu gehen, habe ich kurzentschlossen einfach ein Blog aufgemacht, in dem es seitdem um Politik, Wirtschaft, Bürgerrechte, Musik, Kunst, Dummfug, RPG- und Tabletop-News und Insiderinfos aus der Branche geht. Ziemlich absurder Cocktail, aber bis jetzt funktioniert es ganz gut. Ich unterscheide zwischen „live“ geschriebenen Artikeln und vorbereiteten Artikeln. Den Unterschied merkt man auch deutlich beim Lesen*g*. Der erste vorbereitete Artikel waren Background-Infos zu Wizkids und Topps, die nun wirklich nicht jeder hatte.

Probleme gibt es in der Hinsicht, dass ich natürlich wesentlich mehr weiß, als ich schreiben kann. Da passieren dann solche Sachen, das z.B. irgendwer das Cover für Buch XYZ vor einem online stellt, obwohl es seit Monaten auf dem eigenen Computer liegt, weil man den Tag, an dem Freigabe kommt, gerade mal auswärts ist. Künstlerpech halt.

Generell halte ich den sogenannten Bürgerjournalismus für eine sehr wichtige Sache und bewundere da besonders Berthold Brechts Ideenreichtum.

Natürlich ist da auch jede Menge Schrott dabei, aber das Internet und Blogs sind einer der wahrscheinlich wichtigsten Beiträge zum freien Informationsaustausch und basisdemokratischen Utopien, den es je gegeben hat. Besonders in Zeiten in denen gerade die westlichen Demokratien sich in Oligarchien und Pseudo-Technokratien, die nur noch dem Lobbyismus Gehorsam schulden, verwandeln und in einem freien und unzensierten Informationsaustausch eine Gefahr sehen. Wo auch wieder ein Shadowrun-Bezug vorhanden ist. Es wird immer schwieriger in Shadowrun Überwachungsszenarien und die Maßnahmen totalitärer Staaten plastisch darzustellen, weil man als Autor dabei andauernd rechts von der Wirklichkeit überholt wird und leider nicht nur durch Länder wie China.

Stichwort freier Informationsaustausch. Bieten Blogs vor allem Informationen oder doch eher Meinungen?

Klar bieten sie Informationen, ob es reine Newsmeldungen sind, aus welcher abstrusen Sparte auch immer, oder sogar gut recherchierte Hintergrundbeiträge, ohne Blogs, die Meldungen „redaktionell“ aufbereiten, würde so gut wie niemand mitbekommen, wenn z.B. ein Kleinverlag etwas Neues rausbringt. Je näher sich Blogs hingegen thematisch den Mainstream-Medien annähern, desto mehr reine Meinung kommt darin vor, abgesehen von den üblichen Ausnahmen. Und ja, ich generalisiere hier gerade stark.

Mittlerweile vergeht ja kaum ein Tag, an dem bei SPON (und anderswo) nicht ein Artikel zum Thema Bloggen, Twitter u.ä. erscheint. Das Web 2.0 scheint den traditionellen Medien gehörigen Respekt einzujagen. Siehst du diese neuen Informationsformen als Konkurrenz zu den klassischen (journalistischen) Medien?

Da muss man vielleicht etwas weiter ausholen. Traditionelle Medien unterliegen seit Jahren dem Trugschluss unersetzbar zu sein. Zur selben Zeit ist ihre eigene Abhängigkeit von Werbung und den Interessen gewisser Gruppierungen sehr groß geworden. Der Leser ist nicht dumm und merkt durchaus, wenn manche Dinge ausgelassen werden oder er eiskalt verarscht wird. Anfangs wurde der aufkeimende Bürgerjournalismus noch belächelt, aber bei bröckelnden Einnahmen, brutaler Kritik an der Leserbasis und mehreren größeren Scoops, welche von Bloggern gelandet wurden und nicht von den klassischen Medien, findet langsam ein Umdenken statt. Inwieweit der Balanceakt zwischen Journalismus als vierte Staatsgewalt und gekaufter Hofberichtserstattung gutgehen wird, bleibt abzuwarten. Persönlich gehe ich von einer tiefgreifenden Flurbereinigung aus, aus der einige der traditionellen Medien sogar gestärkt und qualitativ stark verbessert hervorgehen werden, während die großen Blogs entweder Teil dieses Konstrukts werden oder sich der Sparte zuwenden. Ohne jetzt die Gründung einer staatlichen „Genehmigungskommission“ für Journalisten einzurechnen.

Wird sich deiner Meinung nach die Zukunft des Journalismus im Internet abspielen?

Die gedruckte Zeitung ist zum Aussterben verurteilt, da sie leider kaum genug Liebhaberpotential mit sich bringt, im Gegensatz zu Büchern. Brauchbare E-Book-Reader werden diesen Vorgang noch verstärken. Eine Zeit lang werden die beiden Modelle Zeitung fürs E-Book und reiner Online Content parallelel zueinander herlaufen, man wird sehen, was sich durchsetzt.

Wie beurteilst du die Funktion von Blogs innerhalb einer doch eher kleinen Community wie der der Rollenspieler? Und wie sieht es mit Foren aus?

Überbewertet und doch sehr positiv. Mich ärgert es immer auf rsp-blogs.de eine Welle mit denselben Neuigkeiten zu lesen, die alle bringen. Entweder hat man noch was dazu anzumerken, was nicht schon überall steht, oder man sollte es sich einfach verkneifen. Andererseits gibt es immer wieder unglaublich gute Artikel, die mehr als nur ein paar Leute lesen sollten. Foren sind aber immer noch das gängigere Kommunikationsmittel und eignen sich für Diskussionen auch meist besser. Allerdings gibt es da natürlich einen Interessenkonflikt zwischen Betreiber und Teilnehmer. Auf der einen Seite hat man übereifrige Mods/Admins welche die Stimmung eines Forums schnell mal killen können und auf der anderen Seite kann man natürlich verstehen, wenn es z.B. einem Verlag nicht recht ist, in seinem Forum zu lesen „Das neue Buch ist scheiße, ihr seid scheiße und wer das Spiel XYZ spielt ist auch scheiße“. Konstruktive Kritik ohne gleich ausfallend zu werden ist da hilfreich. ;)

Besteht die Gefahr dem Wunsch einer „lauten“ Minderheit in Foren im Hinblick auf Veränderungen nachzugeben und dann hinterher festzustellen, dass die „schweigende Mehrheit“ der Spieler nicht zufrieden damit ist?

Schwierig Frage. Die Gefahr besteht durchaus, allerdings hat man ja auch seine eigene Rollenspielrunde und bekommt auch privat Feedback, an meinem Wohnort gibt es z.B. einen Rollenspielstammtisch, wo die Dinge meist etwas weniger „konfrontativ“ rübergebracht werden, als teilweise in einem Forum. Auch auf Conventions und Messen unterhält man sich mit den Spielern und so kommt am Ende schon ein recht ausgewogenes Bild zustande, welches manchmal identisch mit dem Stimmungsbild des Forums ist und manchmal vollkommen unterschiedlich. Ganz dumm gelaufen ist es natürlich, wenn die Spieler etwas wünschen, man selber den Sinn dahinter sieht, aber aus bestimmten Zwängen heraus daran nichts ändern kann.

Ein Beispiel: Es gab Leute die sich durchaus lautstark darüber beschwerten, warum der angekündigte Preis für das neue Pegasus Shadowrun Grundregelwerk höher ausfallen würde und hatten auch gleich einige durchaus treffende aber auch einige komplett abwegige Theorien dafür auf Lager. Als Eingeweihter wusste man natürlich schon seit Monaten den Grund (vollfarbiges Regelwerk), konnte und durfte diesen aber nicht nennen.

Und ich habe früher als reiner Fan selber so einige Male ins Fettnäpfchen gegriffen bei sowas…

Greifst du Ideen aus Foren für Shadowrun auf?

Garantiert nicht, weil das rechtliche Konsequenzen haben könnte. Theoretisch wäre es sogar am besten, die betreffenden Foren gar nicht zu lesen. Praktisch lässt sich zumindest das Aufnehmen der Grundstimmung nicht verhindern, wobei das ehr eine positive Sache ist. Trotz teilweise gegenteiliger Meinung wissen wir durchaus über die Punkte bescheid, die von der Spielerschaft kontrovers gesehen werden. Aber man kann es nie allen recht machen, was man auch gar nicht erst versuchen sollte, da kommt nur Chaos bei raus. Einige Dinge ärgern einen durchaus selber, aber einfach alles von früher umschmeißen geht auch nicht, bösartigster Dominoeffekt.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen