Mittwoch, 14. Januar 2009

Interview mit Patric „SilentPat“ Götz (Ulisses Spiele, Uhrwerk Verlag)

Dankenswerterweise hat sich Patric Götz für ein Interview zu aktuellen Themen rund ums Rollenspiel zur Verfügung gestellt, so dass ich euch dieses Interview sozusagen als (verspätetes) Bonbon zum Start meines Blogs präsentieren kann. Viel Vergnügen!

Patric ist Verlagsleiter von Ulisses Spiele (u.a. DSA, Pathfinder, Iron Kingdoms, Anima). Außerdem wandelt er seit kurzem mit dem Uhrwerk Verlag (Space: 1889, Myranor) auf eigenständigen publizistischen Pfaden. Er ist 36 Jahre alt und spielt seit ca. 23 bis 24 Jahren Rollenspiele. Seine Lieblingssysteme in der Vergangenheit waren D&D, Deadlands, Deadlands: Hell on Earth, DSA und Space: 1889. Zur Zeit spielt er insbesondere D&D (3.5), DSA und Hollow Earth Expedition.

Patric, was genau sind deinen Aufgaben als Verlagsleiter bei Ulisses Spiele?

Meine Aufgabe ist es vor allem, die Leute, die an den verschiedenen Rollenspielsystemen arbeiten zu koordinieren und die Produktpläne zu erstellen.
Außerdem mache ich mittlerweile noch die Art Direction von DSA und hin und wieder so Dinge wie Satzkorrekturen etc. Jetzt gerade mache ich zum Beispiel auch mal einen Index.
Am interessantesten finde ich bei meiner Arbeit aber das entwickeln neuer Konzepte für Bücher (wie zum Beispiel „Codex Monstrorum“ oder den „Tractatus“, die – zumindest für DSA – mal was ganz Neues waren.

Nachdem Ulisses Anfang 2007 die DSA-Lizenz erhalten hat, und mittlerweile auch mit den Übersetzungen für u.a. Iron Kingdoms und Pathfinder bzw. der Neuauflage von Space Gothic betraut ist… Kommst du noch zum Schlafen? Wie bewältigt ihr diese Vielzahl von Projekten?

Ja, ich komme noch zum schlafen. Wir haben ja nun auch noch ein paar andere Leute, die sich um Dinge kümmern. Zum Beispiel habe ich gerade mit Iron Kingdoms und Space Gothic so gut wie gar nichts zu tun. IK wird - genau wie die Tabeltopregelwerke – komplett von Waldems (unserem Hauptsitz) aus koordiniert, bei Space Gothic ist Christian Lonsing der zuständige Redakteur, der sich um das Auspeitschen der Autoren kümmert.
Allgemein bewältigen unsere Projekte vor allem, in dem wir mit jedem Projekt ein paar Leute als Freelancer dazu nehmen. Gerade Pathfinder wäre nur mit unserer alten Besetzung nicht stemmbar gewesen. Aber wir haben ca. ein halbes Dutzend neuer Leute dafür, inkl. Übersetzer, Lektoren und einem zusätzlichen Layouter.

Im Moment gibt es in Teilen der Szene einen Retro Trend zu beobachten, den ihr mit den Dungeon Crawl Classics auch bedient. Siehst du die Zukunft des Rollenspiels bei einfachen, „Back to the Roots“-Produkten oder ist es eher ein Nischenmarkt?

Ich würde „einfache“ Produkte und „Retro“ Produkte nicht als das gleiche ansehen. Ein Spiel kann innovativ und neu sein und trotzdem einfach. „Einfach“ ist sicherlich nötig, um frisches Blut in die Rollenspielszene zu bekommen. Allerdings reiche „einfach“ alleine auch nicht aus – man muss die neuen Leute auch erstmal irgendwie erreichen.
Die „Retro“ Produkte werden, wenn ich das mal so sagen darf, meiner Meinung von alten Säcken für alte Säcke gemacht ;) (wobei ich mich da natürlich selber zu zähle!)

Kommen wir nun zu DSA, dem auflagenstärksten Spiel im Programm von Ulisses. Die aktuelle 4.1 Edition von DSA hat viele Freunde aber auch etliche Kritiker. Zu viel Railroading, ein missglückter Metaplot und umständliche und komplizierte Regeln sind die am häufigsten genannten Kritikpunkte. Was sind deine Ansichten über die Zukunft von DSA?
Muss sich DSA verändern und wenn ja in welche Richtung?


An DSA sollte sich sicherlich auch etwas ändern, allerdings sind komplizierte Regeln und Metaplot auch wieder zwei verschiedene paar Schuhe, die man unterschiedlich schnell und unterschiedlich stark verändern kann, sollte oder muss (oder auch nicht).
Was wir auf jeden Fall dringend brauchen, sind mehr längere eigenständige Abenteuer, die vom Metaplot losgelöst sind und in denen die Helden was erleben können, ohne Angst zu haben, am Schluss aus versehen eine Meisterperson umzubringen, die nach der Metaplotplanung in zwei Jahren der neue Kaiser vom Mittelreich wird (das ist kein Spoiler, sondern frei erfunden. Wirklich. Gehen sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen). Ich bin natürlich nicht generell gegen Abenteuer in denen große historische Ereignisse beschrieben werden – aber nur Großkampagnen und Anthologien ist auch nicht der richtige Weg. Da müssen wir, wie gesagt was ändern. „Von eigenen Gnaden“ ging da in die richtige Richtung.

„Von eigenen Gnaden“ wurde ja auch weitestgehend positiv aufgenommen, obwohl es in der umstrittenen Wildermark angesiedelt ist. Ist das Abenteuerdesign also für die Zufriedenheit der Meister/Spieler wichtiger als der Metaplot?

Dazu muss ich zwei Antworten geben. Mir persönlich ist das Abenteuerdesign wichtiger als der Metaplot. Als Verlagsleiter ist meine Meinung dazu: die Mischung macht´s. Wir sollten weder nur inneraventurisch relevanten Metaplotabenteuer noch nur plotunabhängige Abenteuer machen.

Pegasus hat für 2009 mit „Quest“ ein eigenes Einsteigerrollenspiel angekündigt, um neue Spieler fürs Rollenspiel zu gewinnen. Was hältst du von diesem Versuch?
Wie beurteilst du die Einsteigerfreundlichkeit von DSA?


Ich habe mich mit „Quest“ noch nicht wirklich beschäftigt, aber bei dem, was ich gesehen habe würde ich sagen, dass das tatsächlich ein möglicher Weg ist.
Was DSA angeht – es dürfte ruhig noch eine Einsteigerversion geben, die 1-2 Kompexitätsstufen unter dem Basisregelwerk ist. Sowas haben wir ja mit dem Einsteigerflyer und „Kult der Goldenen Masken“ auch schon gemacht, aber eine „richtige“ Einsteigerbox oder etwas Ähnliches wäre schon gut. Allerdings müsste man die dann auch an anderen Stellen verkauft bekommen, als nur in Rollenspielläden. Wir arbeiten an so etwas, aber es wird sicherlich noch einige Zeit dauern bis dass Konzept „serienreif“ ist.

Wäre ein gemeinsames Einsteiger-Rollenspiel mehrerer Verlage eine Möglichkeit, um mit den gebündelten Ressourcen in das Angebot von Kaufhäusern usw. zu gelangen?

Das kommt sehr darauf an, wer da mitmacht. Ein Einsteigerrollenspiel zu entwickeln würde ich uns schon alleine zutrauen ;). Der Knackpunkt ist, dass auch in die Kaufhäuser zu bringen. Dafür bräuchte man einen der großen Brettspielverlage.

Insgesamt scheint sich im Rollenspielmarkt im Moment (mal wieder) einiges zu bewegen.
Wie kürzlich zu lesen war, hat F&S die D&D4 Lizenz verloren (oder zurückgegeben, je nach Lesart). Anderswo war zu erfahren, dass sich D&D4 insgesamt eher schlecht verkauft. Siehst du euch daher mit Pathfinder (und dem Verbleib bei D&D 3.5) auf dem richtigen Weg oder gibt es auch bei Ulisses Pläne für D&D4 Materialien?


Wir hatten mal am Anfang von D&D4 darüber nachgedacht, D&D4 Material zu machen, da Goodman Games ja mit den Dungeon Crawl Classics auch umgestiegen ist. Aber zur Zeit stecken wir freie Rescourcen dann doch lieber in Pathfinder. ;)

Frank Heller hat kürzlich mit einem Artikel im Envoyer über den Zustand der Rollenspielszene für Aufsehen und breite Diskussionen gesorgt. Er bescheinigt dem P&P Rollenspiel einen schleichenden Abwärtstrend, und schlägt damit in eine ähnliche Kerbe, wie es auch Oliver Hoffmann (Geschäftsführer von F&S) des Öfteren tut. Wie beurteilst du die Situation des P&P in Deutschland?

Ich sehe das schon ähnlich. Allerdings werden wir schon versuchen, etwas dagegen zu tun. Wie in diversen Foren bereits richtig zu diesem Thema gesagt wurde, müssten wir eigentlich mit Einsteigerprodukten andere Zielgruppen ansprechen – das werden wir definitiv versuchen anzugehen. Wie oben schon erwähnt, haben wir da schon ein paar Ideen und Planungen am laufen. Aber so etwas braucht eine Menge Vorlaufzeit.

Kommen wir nun du deinem neuen, persönlichen Projekt, dem Uhrwerk Verlag. Welche Idee steckt eigentlich hinter diesem eigenständigen Verlag?

Die Idee dahinter ist, dass ich mit dem Uhrwerk-Verlag Projekte realisieren kann die ich realisieren möchte ohne primär auf kurzfristige Wirtschaftlichkeit achten zu müssen (wobei sich die Rollenspiele gerne gut verkaufen dürfen, damit mehr erscheinen kann ;)).
Das ist im Prinzip in der Rollenspielszene gar nicht so ungewöhnlich – die meisten kleinen Verlage dürften (gewollt oder ungewollt) so arbeiten.
Mit Myranor hat das das Gesamtpaket von Uhrwerk allerdings sehr gute Chancen sich auch zu rechnen :)
Ich möchte vor allem Spiele herausbringen, die mich auch persönlich interessieren und an denen ich persönlich mehr mitarbeiten will, bzw. bei denen ich eine genaue Vorstellung habe, in welche Richtung sich das Setting entwickeln soll. Deshalb bin ich auch sehr glücklich darüber, dass ich bei Space: 1889 nicht nur Übersetzungen machen darf, sondern auch neues Material herausbringen kann.

Als erste Produktreihe wurde, wie du ja gerade erwähnt hast, die deutsche Version von Space: 1889, einem der Klassiker des Steampunk-Genres, angekündigt. Was erwartet uns hinsichtlich Space: 1889 und anderer Projekte in der Zukunft?

Zu Space: 1889 wird zuallererst natürlich ein Grundregelwerk erscheinen. Danach sind ein Marsquellenbuch, ein Ausrüstungs- und Raumfahrtband sowie ein Venusquellenbuch geplant. Dazu kommt sicherlich auch noch das ein oder andere Abenteuer. Ich verhandle gerade wegen einem passenden Regelsystem mit einer amerikanischen Firma, von der ich bereits eine andere Lizenz habe, aber das ist gerade ein wenig zäh – nicht weil wir uns prinzipiell nicht einig wären – eher weil, ich immer mal wieder ein paar Wochen auf Antworten warten muss.

Ganz aktuell hast du ja bekannt gegeben, dass Myranor von Ulisses zum Uhrwerk Verlag wechselt.
Du schreibst in der entsprechenden Erklärung, dass du dir durch den Wechsel erhoffst, mit Myranor zu 100% das machen zu können, was dir vorschwebt. Bedeutet das, dass Myranor eventuell in eine andere Richtung (sowohl regelseitig als auch vom Hintergrund her) geht als Aventurien, bzw. DSA?


Regelseitig wird Myranor keinen eigenen Weg einschlagen, sondern kompatibel zu Aventurien bleiben. Dafür haben wir ja gerade das Magiebuch gemacht. Beide Kontinente sind DSA und sollten mehr oder weniger mit den gleichen Regeln spielbar sein. Auch der Hintergrund wird sich nicht auf einmal über Nacht (oder überhaupt!) ändern. Allerdings wird es möglicherweise eine geschichtliche Entwicklung im Hintergrund geben, die aber weniger konkrete Auswirkungen auf die Helden haben wird, als das in Aventurien der Fall ist. Myranor ist „freier“ als Aventurien und soll das auch bleiben.

Was bedeutet der Wechsel konkret für die redaktionelle Arbeit und zukünftige Publikationen?

Für die redaktionelle Arbeit bedeutet das keine Änderungen. Die gleichen Leute arbeiten an den geplanten Büchern weiter wie bisher. Ich hoffe allerdings, dass wir in Zukunft mehr Myranor Produkte sehen werden als die letzten Jahre.

Ein weiterer Grund für den Wechsel sei, dass Myranor dir "moralisch zusteht". Man kann das so interpretieren, dass du dich durch den Uhrwerk Verlag so mehr auf dein "Baby" konzentrieren kannst - was aber auch der anderen Seite bedeuten könnte, dass Myranor bei Ulisses nicht den Raum bekommt, der ihm zusteht. Zuviel Interpretation?

Ist weder ganz falsch noch ganz richtig. Jetzt kann ich natürlich z.B. pro Buch ein paar mehr Illustrationen in Auftrag geben, ohne das vorher abzusprechen. Oder das Layout ändern. Oder endlich automatische Schusswaffen in Myranor einführen ;).
Das ist aber eher eine gefühlte Freiheit, als eine wirkliche Änderung, da ich solche Entscheidungen natürlich auch bei Ulisses treffen konnte – allerdings, wie soll ich das sagen... fühlt es sich jetzt besser oder „richtiger“ an. Ist irgendwie schwierig zu erklären...

Abschließend: Was dürfen wir 2009 von Ulisses erwarten?

2009 ist natürlich das DSA-Jubiläumsjahr. Zusätzlich zu den „normalen“ Titeln werden zur Feier dieses Jubiläums noch ein paar Überraschungen erscheinen. Und natürlich wird mit den „Dunklen Zeiten“ das erste eigenständige DSA-Setting erscheinen, das unabhängig von der aktuellen Geschichtsschreibung ist. Darauf bin ich schon selber sehr gespannt, vor allem weil es mir Spaß macht, an neuartigen Produkten zu arbeiten.
Neben vielen DSA Produkten sind natürlich für Pathfinder recht viele Titel geplant (und es wird auch fleißig übersetzt). Wenn alles so läuft wie geplant, wird Pathfinder 2009 einen recht großen Start hinlegen. Es wird Promoabenteuer geben, wahrscheinlich ein deutsches Organised Play und noch einiges mehr.
Außerdem wird endlich Anima und Space Gothic erscheinen. Und natürlich wird es im Laufe des Jahres noch weitere Nicht-DSA-Überraschungen geben, zu denen ich jetzt noch nichts sagen kann. Die werden erst so nach und nach alle paar Monate an die Öffentlichkeit gebracht ;)

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die Zukunft.

Danke schön :)


www.ulisses-spiele.de




Weitere Interviews sind geplant. Wenn alles so läuft wie gedacht, wird als nächstes im Februar ein Shadowrun- und Space Gothic-Autor hier Rede und Antwort stehen. ;)

Kommentare:

  1. Eine der Nicht-DSA-Überraschungen ist ja mittlerweile bekannt

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  2. Danke euch beiden, gute Fragen und Antworten.

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